Nürtinger Zeitung

Ein tiefer Einschnitt droht

Ein tiefer Einschnitt droht

30.01.2021 05:30, VON JENS S. VÖHRINGER —

Das Bundesgesundheitsministerium plant ein Verbot von Banden- und Trikotwerbung von gesetzlichen Krankenkassen

Krankenkassen gelten als verlässliche Partner, seit Jahrzehnten auch für die Sportvereine in Deutschland. Doch damit könnte bald Schluss sein. Eine geplante Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums sieht ein weitgehendes Verbot von Banden- und Trikotwerbung für die mehr als 100 gesetzlichen Krankenkassen vor.

Es ist eine heikle Angelegenheit, über die die Ministerien im März beschließen werden. „Ein heiß umstrittenes, heiß diskutiertes Thema“, wie es Michael Hennrich ausdrückt. Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Nürtingen hat Mitte Januar Post vom größten Verein der Stadt bekommen. Im unserer Redaktion vorliegenden Schriftstück von Hartmut Binder an Hennrich drückt der TG-Vorsitzende seine Besorgnis über die Nachricht aus Berlin aus, dass es künftig ein Werbeverbot für gesetzliche Krankenkassen (GKV) im Sport geben könnte.

„Alarmiert“ sind sie bei der Turngemeinde über die möglichen Konsequenzen, die diese vorgesehene Verordnung für sie haben könnte. „Damit würde unsere erfolgreich bestehende Gesundheitspartnerschaft zwischen Sport und gesetzlichen Krankenversicherern gefährdet und unser Verein auch wirtschaftlich geschwächt“, heißt es in dem Brief weiter. Hennrich vertritt die Meinung, „dass es nicht sein kann, dass der Profisport mit Millionenbeträgen subventioniert wird“, die regionalen Vereine aber in die Röhre schauen. „Mein Ziel ist es, dass Sponsoring lokaler Vereine weiterhin möglich bleibt“, hat er der TG zudem geschrieben. Dennoch könne das Ganze künftig anders aussehen.

„Die Vereine sind derzeit schon genug gebeutelt“

Hartmut Binder, Vorsitzender TG Nürtingen

Noch stärker müsse Sponsoring unter Umständen „mit konkreten Präventionsansätzen verbunden werden“, so Hennrich, der sich außerdem vorstellen könnte, „dass im Rahmen des Vereinslebens und mit Unterstützung der Krankenkasse eine Sucht- oder Ernährungsberatung stattfindet“. Klingt einleuchtend, inwiefern dies für Vereine praktikabel sein wird, bleibt aber sicher abzuwarten. Vor allem aus Sicht eines Vereins wie der TG Nürtingen birgt das Ganze eine besondere Brisanz, denn die Grenze zwischen Regionalität und richtigem Profitum ist hier zwar gegeben, allerdings per Definition schwer zu ziehen.

Die Handballerinnen der Turngemeinde spielen in der Zweiten Bundesliga und gehören damit dem Profisport in Deutschland an. Sie genießen Privilegien, wie etwa auch in Corona-Pandemiezeiten weiterspielen zu dürfen – nur, Profis gibt es in Reihen der TG ebenso wenig wie bei vielen anderen Konkurrenten. Im Frauenhandball fließen auch nicht die Summen wie bei den Männern oder gar im Fußball. Beinahe jede Saison gleicht daher bei vielen einem finanziellen Überlebenskampf, wovon auch die Vielzahl an Mannschaftsrückzügen in den vergangenen Jahren zeugt.

Die Nürtinger befinden sich mit ihrem „Profiteam“ also genau an der Schnittstelle. Und möglicherweise vor einem größeren Problem, wenn wie bisher die BKK Scheufelen sowie die AOK als Werbepartner mit mittleren bis höheren vierstelligen Eurobeträgen als monetäre Zuwendungen wegfallen würden. „Wir stellen uns schon die Frage, was das am Ende für uns bedeutet“, sagt Geschäftsführerin Irina Lutz. „Das ist nicht gut für die Vereine, die sind derzeit schon genug gebeutelt und haben Schwierigkeiten“, fügt der TG-Vorsitzende Binder an.

Auch die Krankenkassen sind alles andere als begeistert. „All das, was wir über Jahrzehnte aufgebaut haben, wird kleingemacht“, meint Kai Behrens, der Pressesprecher der AOK Berlin. Spitzensportler hätten schließlich auch eine gesellschaftliche Vorbildfunktion und tragen damit auch dazu bei, für eine gesundheitsbewusste Lebensweise zu werben. Gesund durch und mit Sport, durch Bewegung, das wird durch die Krankenkassen propagiert. Ebenso die prophylaktische Wirkung. Alles dient auch dazu, dass die Vereine mit ihren Angeboten, die sie teilweise in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen erstellen, Zulauf erhalten. Vieles davon könnte nun aber im März auf den Kopf gestellt werden. „Ich hoffe, dass es noch zu einem Sinneswandel kommt“, so Behrens.

Bei der TG Nürtingen wie natürlich auch bei anderen Vereinen sind die Gelder wichtiger Bestandteil des Budgets. „Krankenkassen sind verlässliche Partner“, sagt TG-Geschäftsführerin Lutz, meint damit aber keinesfalls nur den finanziellen Aspekt. Beim Nürtinger Sommercamp ist die BKK Scheufelen tatkräftiger Unterstützer und unter anderem für die 500 bis 600 T-Shirts zuständig.

Die Hilfen der Krankenkassen fürs TG-Vereinsgeschehen mit seinen 21 Abteilungen genau aufzuschlüsseln, ist angesichts der vielen Verflechtungen kaum möglich. Auch auf den Trikots der Zweitliga-Mannschaft gibt es Krankenkassen-Werbung, zudem während deren Spiele an der Wand. Beides droht künftig wegzufallen. Hartmut Binder und Co bleibt erst einmal nicht viel anderes übrig, als die Entscheidung der Ministerien über die Verordnung und deren Folgen abzuwarten – und zu hoffen, dass dann nicht noch weitere Einschnitte folgen könnten. „Die Frage ist doch: was kommt jetzt und wie geht es dann noch weiter“, sagt Irina Lutz.